PCC – Anlage – Bürgerinformation

 

Bürgerverein Lülsdorf Ranzel – Gegen die Ansiedlung des Chemiekonzerns

von Peter Freitag

-> Hier zum Artikel:
https://www.rundschau-online.de/region/rhein-sieg/niederkassel/buergerverein-luesdorf-ranzel-gegen-die-ansiedlung-des-chemiekonzerns-36243726

 

Der Bürgerverein informiert:

Vorbehalte zum Bau einer Ethylenoxidanlage und stellt Fragen

Der Bürgerverein für Lülsdorf und Ranzel e.V. hat sich am 12.02.2020 deutlich kritisch zum Bau einer Ethylenoxidanlage durch die Firma PCC, im Ortsdreieck Lülsdorf, Ranzel, Niederkassel auf dem Gelände der Firma Evonik ausgesprochen. Nach Abwägung des Für und Wider, der Arbeitsplätze gegen das Gefahrenpotential, verlief die Abstimmung einstimmig.
Das Unfallrisiko wird als zu hoch eingestuft. Ob menschliches Versagen (Eile, Ungenauigkeit, Nachlässigkeit, Übermüdung etc) oder technisches Versagen (Materialermüdung, Dichtungslecks, Korrosion etc). Beides sind die Hauptursachen für Unglücke, sie sind nie zu 100% auszuschließen und damit tödliche Begleiter bei der Produktion von diesem hochgiftigen und explosiven Stoff.

Hier geht es nicht um das Floriansprinzip! So eine Anlage gehört in keine Stadtbebauung, egal ob hier oder woanders. So eine Anlage gehört auf die Wiese mit einem 5 Km großen Schutzradius zur nächsten Wohnsiedlung.
Es gebietet der Anstand seitens der Stadt, bei der Ansiedlung einer hochgefährlichen Produktionsanlage die Prokura, die Zustimmung der Bevölkerung einzuholen, wert zu schätzen und zu akzeptieren. Dies gilt auch im umgekehrten Fall für die Gegner. Demokratie ist die Basis für ein friedliches Miteinander.

Warb doch die Stadt Niederkassel noch vor 10 Jahren um Neubürger mit der Aussage:
Für den Großteil der Bevölkerung ist Niederkassel eine reine Wohnstadt.
Leben in R(h)einkultur. (Ausgabe: 40 Jahre Rhein Sieg, Juli 2009).

Aufschlussreich wäre eine aktuelle klare Stellungnahme der jeweiligen Ratsfraktionen zur Ansiedlung der Firma PCC Integrated Chemistries GmbH mit ihrem Bauvorhaben. Am 13.September diesen Jahres sind Kommunalwahlen. Es wäre doch hilfreich das Kreuz ins richtige Kästchen setzen zu können.

Die nachfolgenden Absätze sollen der Information und Aufklärung dienen. Sie mögen zu einer Einschätzung jeden Lesers über das zu erwartende Gefahrenpotential führen und zu einer persönlichen Stellungnahme anregen.

Wirtschaftlichkeit geht vor Bürgerschutz…

Worum geht es:

Auf dem Betriebsgelände der Evonik Industries in Lülsdorf soll eine Ethylenoxid Produktionsanlage der Firma PCC mit einer Jahresleistung von 180.000 Tonnen hochgiftigen und hochexplosiven Gas entstehen. Davon sollen 40.000 Tonnen zu Kunden außerhalb des Standortes transportiert werden (per Eisenbahn, Schienenstrecke entlang Rheidt, Mondorf). 140.000 Tonnen sollen vor Ort durch weiter verarbeitende Chemieproduktionsstätten verarbeitet werden. Diese noch zu bauenden Anlagen gehören zum Gesamtkonzept des Projektes.
Genehmigungsverfahren Ende Sommer 2020, Baubeginn 2021, Produktionsaufnahme 2024.
Ethylenoxid, was ist das für ein Stoff: (Auszug aus Wikipedia)
Ethylenoxid (kurz EO) ist ein farbloses, hochentzündliches Gas mit süßlichem Geruch und das einfachste Epoxid. Es ist ein wichtiges Zwischenprodukt bei der Herstellung von Ethylenglycol und anderen Chemikalien. Als mutagenes Klastogen ist Ethylenoxid ein Gift, welches Chromosomenaberrationen hervorrufen kann. Ihm ist die UN-Nummer 1040 zugewiesen.
Ethylenoxid ist ein hochentzündliches Gas. Der Flammpunkt beträgt −57 °C[1] . Es bildet mit Luft explosionsfähige Gemische, die untere Explosionsgrenze (UEG) liegt bei 2,6 %, die obere (OEG) bei 100 %.[1]
Ethylenoxid ist giftig und krebserregend beim Einatmen. Symptome einer Vergiftung sind Kopfschmerzen, Schwindel und Übelkeit/Erbrechen. Mit zunehmender Dosis kommt es zu Zuckungen, Krämpfen und schlussendlich zum Koma. Es ist für die Haut und die Atemwege reizend. Die Lunge kann sich Stunden nach dem Einatmen mit Flüssigkeit füllen (Lungenödem).
Bei Normaldruck und Zimmertemperatur verdunstet es sehr schnell und verursacht Frostverbrennungen auf der Haut.
Bei Tieren hat es zahlreiche Fortpflanzungsdefekte wie Mutationen oder Fehlgeburten ausgelöst. Der Einfluss auf die menschliche Fortpflanzung ist noch nicht genau untersucht, es ist aber wahrscheinlich, dass die gleichen Effekte wie im Tierversuch auftreten.
Ergänzende wichtige Sicherheitshinweise:

Siehe Link Sicherheitsdatenblatt der EG Verordnung:
http://www.ghc.de/media/de/downloads/sida/1400.pdf

Warum der Standort Niederkassel-Lülsdorf:

Der Standort mitten zwischen den Orten Niederkassel, Lülsdorf und Ranzel ist gemäß einer ersten Wirtschaftlichkeitsprüfung als bestens geeignet hervorgegangen und wird durch die Evonik als Partner unterstützt. Er ist als ausgewiesener Chemiestandort mit guter Infrastruktur durch Straße (demnächst auch Rheinspange), Schiene und Wassertransportweg ausgestattet. Der geplante Containerhafen am Standort der Evonik ergänzt die gewünschte Logistikflexibilität. Auf den ungenutzten Flächen des Evonik Betriebsgeländes ist reichlich Platz für den Bau dieser Produktionsanlage mit einem Investitionsvolumen von geplanten 500 Mio. €. Bei Bedarf ist Platz für Gewerbe zur Weiterverarbeitung des Produktes.
Geworben wird mit der Schaffung von 120 bis 200 neuen Arbeitsplätzen.

Nur, die Sache hat einen Haken:

Der Standort ist umzingelt von dichter Wohn- und Gewerbebebauung. In unmittelbarer Nähe befinden sich Kindergärten, Gymnasium, Grund-, Haupt- und Ganztagsschulen. Das Gewerbegebiet Ranzel mit seinen vielen Einkaufsmöglichkeiten und hoher Besucherfrequenz beginnt direkt auf der gegenüberliegenden Straßenseite.
Luftlinie wenige 100 Meter entfernt befindet sich das Walter Esser Seniorenheim.

Die Sorgen der Anwohner/innen:

Der letzte Explosionsunfall mit einer derartigen Produktionsanlage in Tarragona (Spanien) beklagte mehrere Todesfälle und ist erst wenige Wochen her (Januar 2020). Spektakulär die Wucht der Explosion: Ein 800 kg schweres Metallteil (vermutlich ein Deckel der Anlage) flog knapp drei Km durch die Luft, durchschlug ein Hausdach und tötete den Anwohner. Ursache des Unglücks ist bis heute ungeklärt. Weitere Unfälle mit Ethylenoxid ereigneten sich in Duisburg, Antwerpen und Ungarn.
Die Evonik selbst produziert in direkter Nachbarschaft Chlor. Ein ebenfalls hochgiftiger Stoff. Was passiert, wenn beide Anlagen durch einen Störfall in einer der Anlagen miteinander reagieren?

Damit aber noch nicht genug:

Auf der anderen Rheinseite, weit innerhalb eines Radius von drei Kilometern, steht die Shell Raffinerie. Nur durch die Rheinbreite entfernt, betreibt Shell eine mehrstufige Beladungsanlage für Tankschiffe. Die Befüllung der Transporttanks und damit die Fracht, besteht ebenfalls aus leicht entzündlichen Treibstoffen und Raffinerieprodukten.

Schauen wir auf die Politik der Stadt Niederkassel:

Dort sieht man mit Begeisterung das Investitionsvolumen von 500 Mio. €, die neuen 120 Arbeitsplätze (im Konjunktiv im Werbeflyer von PCC erwähnt) und die Füllung des Stadtsäckels mit Gewerbesteuern, so denn die Firma ihre Steuern hier entrichtet.
Dabei entwickelte sich die Stadt in den letzten Jahren zu einem begehrten, prosperierenden Zuzugsgebiet. Viele Kölner und Bonner Arbeitnehmer zieht es in eine Wohnlage, die trotz der bereits bestehenden chemischen Fabrikanlagen ein angenehmes Wohnklima verspricht. Niederkassel zählt inzwischen zum Bestandteil des sogenannten Speckgürtels der südlich und nördlich gelegenen Großstädte und zieht viele Neubürger an. Die steigenden Einwohnerzahlen sind ein deutlicher Beleg.
Wirbt doch die Stadt selbst auf ihrer Homepage:
Auszug:
„Ein attraktiver Wohnort mit einem erstklassigen Bildungs- und Betreuungsangebot für Kinder und Jugendliche. Das große Freizeitangebot auf kultureller und gesellschaftlicher Ebene, die Vielzahl der aktiven Vereine und eine lebendige örtliche Gemeinschaft mit regem sozialem Leben machen Niederkassel nicht nur für junge Familien attraktiv.
Auch die einzelnen Stadtteile mit ihren schön gestalteten historischen Ortskernen, den modernen Wohngebieten, guten Einkaufsmöglichkeiten sowie zahlreiche Naherholungsgebiete machen Niederkassel zu einer für alle Generationen liebenswerten Stadt, in der man sich zu Hause fühlt.“

Was bleibt sind Fragen:

-Wiegen die Schaffung von 120 Arbeitsplätzen mehr als die Sicherheit, Gesundheit und Wohnqualität der Anwohner?
-Welche Sicherheitsmaßnahmen verhindern einen Chemieunfall, wie zuletzt 2020 in Tarragona geschehen?
Wie wird einer sich kumulativ ausbreitenden Gefahrenlage durch Chlor- und Raffinerieprodukten begegnet? Ein Szenario, das möglicherweise unbeherrschbar sein könnte.
-Wie hoch sind die zu erwartenden Immissionen in Addition zu den bereits bestehenden Ausbringungen, durch Störfälle, Fackeltätigkeit (Shell), zunehmenden Schiffsverkehr (Containerhafen), Rheinspange, Güterzüge, Lärm und vermehrter Lichtemission (Nachtbeleuchtung)?
-Verlieren die Ortsteile Lülsdorf, Ranzel und Niederkassel an Wohnqualität und Attraktivität, die sich letztlich auch auf die Grundstückswerte auswirken könnten?
-Was bleibt übrig von der 500 Millionen Investition für Steigerung der Wohnqualität und städtischer Infrastruktur – außer neuen Schornsteinen, Cracktürmen und Stahlgerüsten? Aussage PCC: „Wir sind doch nicht die Caritas, sondern ein Gewinn orientiertes Unternehmen“.
-Gibt es keine Alternativlösungen für Produktionsanlagen mit geringeren Risikowerten, die den wirtschaftlichen Standort ebenso fördern und befördern könnten?
Stattdessen wird ein unkalkulierbares Pulverfass errichtet. Nach eigener Aussage von PCC kann es keine 1000-prozentige Sicherheit geben. Nun denn, 100 Prozent würden genügen.

PCC hat nach eigener Aussage noch keine vergleichbare Anlage dieser Größenordnung je gebaut. Sie betritt also Neuland. Über wie viel Produktionserfahrung kann sie verfügen, wenn bisher nur weiterverarbeitende Produktlinien in ihrem Portfolie stehen?
In ihrem Werbefilm, aufgeführt im Evonik Casino, wurden ausschließlich Produktionsstätten außerhalb dichter Wohngebiete dargestellt.

Letztlich verspricht PCC eine gute Zusammenarbeit mit den Anwohnern.
Zitat:
„Ein gutes Verhältnis mit unseren Nachbarn ist uns sehr wichtig“. Und weiter:
„An allen unseren Standorten haben wir die Bedürfnisse der Anwohner stets im Blick.“

Würde die PCC auch ein „NEIN“ der Anwohner, ermittelt durch eine Bürgerbefragung, akzeptieren?

Die Evonik war stets ein verlässlicher Partner mit hohen Sicherheitsstandards. Kaum Störfälle und immer aufgeschlossen ihren Nachbarn gegenüber. Wird diese Erfolgsgeschichte, das Vertrauen, nun auf die Probe gestellt?
Als größter Arbeitgeber der Stadt Niederkassel ist der Standort der Evonik nicht in Frage zu stellen. Im Gegenteil, bietet er doch Potentiale die Region wirtschaftlich zu stärken.
Aber gibt es denn wirklich keine Alternativen als die Zusammenarbeit mit einer Firma, die eines der gefährlichsten Gase produzieren möchte?